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„Der Junge aus Buchenwald“: Die wahre Geschichte von Joseph Schleifstein. Am 8. April 1945 sendeten Häftlinge im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar einen dringenden Hilferuf in Morsecode. Die Soldaten taten etwas, das den Jungen sein Leben lang verfolgen sollte …

„Der Junge aus Buchenwald“: Die wahre Geschichte von Joseph Schleifstein. Am 8. April 1945 sendeten Häftlinge im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar einen dringenden Hilferuf in Morsecode. Die Soldaten taten etwas, das den Jungen sein Leben lang verfolgen sollte …

kavilhoang
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„Der Junge aus Buchenwald“: Die wahre Geschichte von Joseph Schleifstein. Am 8. April 1945 sendeten Häftlinge im Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar einen dringenden Hilferuf in Morsecode. Die Soldaten taten etwas, das den Jungen sein Leben lang verfolgen sollte …

Am 8. April 1945, nur wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa, gelang es Häftlingen im Konzentrationslager Buchenwald, einen verzweifelten Funkspruch in Morsecode abzusetzen. „An die Alliierten, an die Armee von General Patton — hier KZ Buchenwald. SOS. Wir bitten um Hilfe. Sie wollen uns evakuieren.“ Diese Nachricht, heimlich über ein improvisiertes Funkgerät gesendet, wurde zu einem der bewegendsten Zeugnisse des Überlebenswillens der Gefangenen. Unter ihnen befand sich ein kleiner Junge, der später als „der Junge aus Buchenwald“ bekannt werden sollte: Joseph Schleifstein.

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Joseph war eines der jüngsten bekannten Kinder, die das Lager überlebten. Geboren 1941 in einer jüdischen Familie, wurde er zusammen mit seinem Vater nach Buchenwald deportiert, während seine Mutter in Auschwitz ermordet wurde. Dass ein so kleines Kind in einem Konzentrationslager überleben konnte, war nahezu unvorstellbar. Mithäftlinge versteckten ihn, teilten ihre ohnehin knappen Rationen und riskierten ihr eigenes Leben, um ihn zu schützen. In einer Umgebung, die auf Entmenschlichung ausgelegt war, wurde seine Existenz zu einem stillen Akt des Widerstands.

Als amerikanische Truppen das Lager am 11. April 1945 erreichten, fanden sie Tausende ausgezehrter Überlebender vor — und den kleinen Joseph, dessen Anblick selbst abgebrühte Soldaten erschütterte. Fotos zeigen ihn in einer viel zu großen Uniformjacke, umgeben von Männern, die ihn wie ein Symbol der Hoffnung betrachteten. Für die Befreier wurde er zu einem Gesicht der geretteten Unschuld, für die Überlebenden zu einem lebenden Beweis, dass selbst in der Hölle Menschlichkeit möglich gewesen war.

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Doch was nach der Befreiung geschah, sollte Joseph sein Leben lang begleiten. Amerikanische Soldaten, bewegt von seinem Schicksal, nahmen ihn zeitweise in ihre Obhut, spielten mit ihm, gaben ihm Süßigkeiten und fotografierten ihn. Für sie war es ein Moment der Menschlichkeit nach Jahren des Krieges. Für den Jungen jedoch begann damit ein Leben im Schatten der Erinnerung. Die Bilder verbreiteten sich weltweit und machten ihn unfreiwillig zu einer Ikone der Befreiung — lange bevor er alt genug war, zu verstehen, was geschehen war.

Nach dem Krieg wanderte Joseph mit seinem Vater in die Vereinigten Staaten aus, wo er ein neues Leben beginnen sollte. Sie ließen sich in New York nieder, weit entfernt von den Orten des Grauens. Doch die Vergangenheit ließ sich nicht einfach abschütteln. Joseph wuchs mit dem Wissen auf, dass seine Geschichte außergewöhnlich war, aber auch mit der Last, ständig daran erinnert zu werden. Interviews und Anfragen begleiteten ihn bis ins Erwachsenenalter, während er versuchte, ein normales Leben zu führen.

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Historiker betonen, dass sein Überleben nur durch ein Netzwerk von Solidarität im Lager möglich war. Politische Häftlinge, Widerstandskämpfer und andere Gefangene arbeiteten zusammen, um besonders gefährdete Menschen zu schützen. Der Junge wurde versteckt, wenn Inspektionen drohten, und erhielt zusätzliche Nahrung, wenn es irgend möglich war. Diese stille Zusammenarbeit widersprach der beabsichtigten Spaltung der Häftlinge durch das Lagersystem und zeigt, dass selbst unter extremsten Bedingungen Mitgefühl existierte.

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Der Funkspruch vom 8. April gilt heute als entscheidender Moment. Er beschleunigte das Eingreifen der amerikanischen Truppen und verhinderte vermutlich eine Evakuierung, die für viele Gefangene den Tod bedeutet hätte. Für Joseph bedeutete er die Rettung — und gleichzeitig den Beginn eines Lebens, das untrennbar mit diesem Datum verbunden blieb. Jedes Jahr, wenn die Gedenkveranstaltungen stattfinden, wird seine Geschichte erneut erzählt, als Mahnung und als Zeichen der Hoffnung.

Im späteren Leben sprach Joseph nur selten öffentlich über seine Erfahrungen. Freunde beschrieben ihn als zurückhaltend, jemand, der die Aufmerksamkeit mied. Doch wenn er doch einmal sprach, betonte er die Bedeutung des Erinnerns. Nicht aus Bitterkeit, sondern aus Verantwortung gegenüber jenen, die nicht überlebt hatten. Seine Geschichte sei nicht nur seine eigene, sagte er, sondern die vieler Kinder, deren Stimmen für immer verstummt sind.

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Heute steht der Name „der Junge aus Buchenwald“ stellvertretend für das Schicksal unschuldiger Opfer des Holocaust. Die Fotos aus dem April 1945 sind Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden, doch hinter ihnen steht ein Mensch, der ein ganzes Leben lang mit der Frage leben musste, warum gerade er überlebt hat. Diese Frage, so sagen Historiker, sei für viele Überlebende ebenso schwer zu tragen wie die Erinnerungen selbst.

Die Geschichte von Joseph Schleifstein ist daher mehr als eine Episode der Befreiung. Sie ist eine Erinnerung daran, wie dünn die Grenze zwischen Vernichtung und Rettung sein kann und wie sehr individuelle Schicksale von mutigen Entscheidungen abhängen. Der Morse-Hilferuf, die anrückenden Soldaten und die unerwartete Rettung eines kleinen Jungen verbinden sich zu einer Erzählung, die auch Jahrzehnte später nichts von ihrer emotionalen Wucht verloren hat.

Am Ende bleibt das Bild eines Kindes, das inmitten von Stacheldraht und Wachtürmen überlebte und dessen Leben für immer von jenem April geprägt wurde. Seine Geschichte zwingt uns, nicht nur an das Grauen zu erinnern, sondern auch an die Menschlichkeit, die selbst dort aufleuchten konnte, wo sie unmöglich schien.